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Per ER 2026-03-19

Die tausendjährige Deponie

BY XXXXXXXXX

Unter dem Radar der Öffentlichkeit brachten zwischen April 1967 und Dezember 1978 tausende Schwerlasttransporter eine toxische Erblast in die Idylle des niedersächsischen Landkreises Wolfenbüttel.

Ihre Fracht: 125.787 Gebinde mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall.

Wolfenbüttel im Jahre 2075

Offiziell taufte man das Ganze ein “Forschungsbergwerk”, um die Endlagerung in Salzformationen zu studieren. Tatsächlich wusste man es besser. Wer die Akten des Asse-Skandals heute liest, blickt nicht auf ein scheiterndes Experiment, sondern auf eine eiskalt kalkulierte, illegale Billigentsorgung der deutschen Atomwirtschaft – protegiert von einer Exekutive, die für den ungestörten Weiterbetrieb von Kernkraftwerken sehenden Auges eine ganze Region nachhaltig verstrahlte.

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Das sogenannte Gründungsdilemma begann bereits beim Kauf der stillgelegten Kaligrube durch den Bund im Jahr 1965. Dass ein Salzbergwerk trocken bleibt, war schon damals geologisch unwahrscheinlich: Schacht Asse 1 soff 1906 ab, Asse 3 folgte 1923, und auch in Asse 2 war 1939 Salzlösung eingebrochen. Dennoch deklarierte das Bundesministerium für wissenschaftliche Forschung die Liegenschaft zum sicheren Nuklearlabor.

Der perfideste juristische Taschenspielertrick dabei:

Man ließ die Asse unter dem reinen Bergrecht operieren. Im Gegensatz zum strengen Atomrecht, das für kerntechnische Anlagen vorgesehen ist, entfielen so lästige Auflagen wie Langzeitsicherheitsnachweise oder strikte Störfallanalysen.

“Krankenhausabfälle”, 53 Billionen Becquerel Tritium und 28 Kilo Plutonium

Glaubt man den damaligen und zum Teil über Jahrzehnte wiederholten Beschwichtigungen von Politikern – der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff sprach noch 2008 wider besseres Wissen von harmlosen “Krankenhausabfällen” –, dann ruht in der Asse vornehmlich das Erbe braver Mediziner.

Die Faktenlage des 21. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) straft dieses Narrativ jedoch Lügen.

Knapp 90 Prozent der Radioaktivität stammen aus dem Forschungszentrum Karlsruhe (inklusive der Wiederaufarbeitungsanlage WAK), wo unter anderem fast 100 Tonnen bestrahlter Brennelemente aus kommerziellen Reaktoren der Energieversorgungsunternehmen (EVU) verarbeitet wurden. Die Energiewirtschaft entsorgte ihren Müll hier bis Dezember 1975 völlig gebührenfrei. Erst in der Spätphase nahm der Staat insgesamt läppische 8,5 Millionen Euro ein.

Von den gigantischen Rückholungskosten – die das Bundesumweltministerium mittlerweile auf über 4,7 Milliarden Euro taxiert (1,8 Milliarden sind bereits seit 2009 angefallen) – tragen die Hauptverursacher heute exakt null Euro.

Noch alarmierender als die Finanzierung ist die systematische Falschdeklaration des Inventars. Auf dem Papier wurden Strahlenschutz- und Aktivitätsgrenzwerte bei der Anlieferung in den Jahren 1969 und 1970 für bis zu zehn Prozent der Behälter einfach um das Fünffache angehoben, um Stoßzeiten zu bewältigen.

Die durch den PUA initiierte Inventarüberprüfung erzwang massive nachträgliche Korrekturen nach oben: Die Menge an hochgiftigem Americium-241 musste verdreifacht werden, der Wert für das Isotop Tritium stieg auf mehr als das Zehnfache (53 Billionen Becquerel).

Ein Großteil dieser Tritium-Lüge geht auf rund 50.000 in den 70er-Jahren eingelagerte Graphitkugeln des AVR Jülich zurück. Deren strömendes Tritium-Inventar wurde laut Historikern schlichtweg zu niedrig deklariert, da die Asse-Betreiber diese hochgefährliche Lieferung bei ehrlichen Angaben hätten abweisen müssen.

Dass es nicht noch schlimmer kam, ist alleinig der Zivilgesellschaft zu verdanken: Pläne für die Einlagerung von 100.000 weiteren, echten hochradioaktiven Brennelementen aus dem AVR Jülich wurden 1978 durch massive Bürgerproteste in letzter Sekunde gestoppt.

Und das Plutonium? Davon liegen dort, dem offiziellen ‚Forschungsauftrag‘ zum Trotz, satte 28,1 Kilogramm.

“Versturztechnik”: Die institutionalisierte Verantwortungslosigkeit

Wer sich fragt, wie über 125.000 Fässer in wenigen Jahren unter Tage verschwinden konnten, findet die Antwort in der ab 1974 etablierten „Versturztechnik“. Zunächst stapelte man die Fässer noch mühsam mit Gabelstaplern auf der 750-Meter-Sohle.

Doch angesichts steigender Volumina aus den Kernkraftwerken schwenkte man zum Abkippen um: Um die akute Strahlenexposition der Bergleute zu verringern, wurden diese Fässer, oft ohnehin nur einfache, billige Rollreifenfässer mit einer Standfestigkeit von wenigen Jahren, fortan von Radladern aus an die Kanten der Abbaukammern gefahren und aus teils beträchtlicher Höhe hinabgeworfen.

Man warf Atommüll in den Abgrund wie Bauschutt.

PUA-Protokolle belegen: Fässer barsten bereits beim ersten Aufprall, Deckel flogen weg, Trägermaterial lief aus, radioaktiver Staub legte sich in den Kammern auf Mensch und Maschine.
Laut Zeugenaussagen (z. B. Mitarbeiter Ahrens und Jürgen Schubert) mussten Arbeiter teilweise ohne Schutzhandschuhe an kontaminierten Fässern hantieren.

Dieser rabiaten Kurzsichtigkeit ist es geschuldet, dass die Abfälle heute kein geordnetes Lager darstellen, sondern ein hochgefährliches, verrostetes und radioaktives Gemisch aus Schrott und Salz, das eine Bergung fast unmöglich macht.

Der Laugensumpf und die zensierte Wissenschaft

Die Konsequenzen dieses Vandalismus ließen nicht lange auf sich warten. Seit 1988 sickern aus dem stark zerlöcherten Asse-Höhenzug in einer Tiefe zwischen 500 und 575 Metern an der Südflanke Grundwasserströme in die Grube. Ohne das tägliche Abpumpen von rund 12.000 Litern Lauge drohte das Bergwerk “abzusaufen” oder im schlimmsten Fall einzustürzen (Tagesbruch).

Noch desaströser ist die Situation im direkten Einlagerungsbereich. Vor der historischen Kammer 12 auf der 750-Meter-Sohle bildete sich ein Laugensumpf aus dem alten, feuchten Versatzmaterial des Kaliabbaus. Die Flüssigkeit fraß sich durch die zerschmetterten Fässer und wusch die Radionuklide ungehindert aus.

Wissenschaftler, die davor warnten, wurden politisch und beruflich ins Abseits gedrängt. Der Wasserbau-Ingenieur Dr. Hans-Helge Jürgens prophezeite 1979 in einer Studie präzise die Gefahr des “Ertrinkens” der Mine durch mangelnde geomechanische Standsicherheit.
Die Betreibergesellschaft GSF diskreditierte seine Gutachten prompt als “methodisch mangelhaft”.

Als Mitte der 90er Jahre Dr. H.-J. Herbert mittels aufwendiger Isotopenanalysen der Laugen zweifelsfrei nachwies, dass die eindringende Lösung aus dem Deckgebirge stammt und folglich eine fatale direkte geologische Verbindung zur Biosphäre besteht, durfte er nicht publizieren. Das System zwang Forscher sogar, Habilitationsschriften nachträglich umzuschreiben, um das politisch verordnete Märchen vom absolut dichten Salzstock aufrechtzuerhalten.

Das behördliche Mitwissertum war allgegenwärtig.

Interne Akten des federführenden Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) belegen, dass Tritium-Freigrenzen bereits 1994 massiv überschritten waren.

Im Jahr 2001 schlug das wesentlich gefährlichere Isotop Cäsium-137 an.

Die Politik wusste von nichts – oder wollte nichts wissen. Zwischen 2005 und 2008 pumpten die Betreiber klammheimlich, illegal und ohne atomrechtliche Genehmigung 74 Kubikmeter der hochkontaminierten Cäsium-Lauge von der 750-Meter-Sohle einfach auf die 975-Meter-Ebene ab. Erst als dieser ungeheuerliche Vorgang 2008 ans Tageslicht kam, griff der Bund endlich ein.

Qualitätssicherung in der Nuklearmedizin: Radioaktives Prüfphantom im PET-CT.

Von Gorleben zur Lex Asse

Warum deckte eine ministerielle Kaskade jahrzehntelang dieses Treiben? Das Motiv hieß “Gorleben”. Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers und Umweltministerin Angela Merkel behielten die Asse in den 1990er Jahren fest beim an sich unzuständigen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).
Ein öffentliches Eingeständnis des Scheiterns in der Asse hätte die “Salzlinie” grundsätzlich infrage gestellt und das gewaltige Endlagerprojekt in Gorleben sowie den Entsorgungsnachweis der Betreiber auf einen Schlag politisch torpediert.

Erst 2013 zog der Bundestag fraktionsübergreifend mit der hastig verabschiedeten „Lex Asse“ die Reißleine. Sie zwingt den Bund nun zur vollständigen Rückholung des Materials aus den Stollen.

Doch um das überhaupt rechtlich durchdrücken zu können, hebelt die Lex Asse etabliertes Strahlenschutz- und Planungsrecht kurzerhand aus. Auf das sonst bei nuklearen Großprojekten obligatorische Planfeststellungsverfahren wurde verzichtet.

Und noch viel gravierender: Galt für Atomanlagen vorher ein maximaler Störfallgrenzwert von 50 Millisievert (mSv) für Einzelpersonen gemäß Strahlenschutzverordnung, so ermächtigt das neue Gesetz die Genehmigungsbehörden explizit, diesen Wert “im Einzelfall” zu überschreiten, falls bei der unweigerlich hochgefährlichen Fass-Bergung etwas schiefgeht. Daran änderten auch die unmissverständlichen Warnungen der unabhängigen Strahlenschutzkommission (SSK) im Jahr 2016 nichts.

Sankt-Nimmerleinstag statt 2033

Und heute? Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) plant aktuell den Schacht Asse 5, kämpft aber gegen die Zeit. Der anvisierte Start der Bergung im Jahr 2033 ist de facto bereits gescheitert. Eine Sprecherin der BGE teilte mit, der Zeitplan sei “auf unbestimmte Zeit verschoben”, ein dringend erwarteter Gesamtplan bleibe vorerst aus. Die Verzögerung sorgt in der ohnehin belasteten Region für tiefe Empörung. Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) schimpft über einen Räumungstermin am “Sankt-Nimmerleinstag” und argwöhnt öffentlich, dass im Hintergrund bereits eine Notflutung vorbereitet wird.

Das wäre der finale Offenbarungseid.

Zudem eskaliert der Streit um das geplante Abfallbehandlungs- und Zwischenlager. Die BGE plant, diese gigantischen Infrastrukturbauten direkt am Standort “Kuhlager” zu errichten – in direkter Nachbarschaft zu den Dörfern Remlingen, Wittmar und Vahlberg. Der Bürgerverein “aufpASSEn e.V.” wirft den Planern vor, sich die Entscheidung durch eine gravierend fehlerhafte “Parameterstudie” von 2014 erschlichen zu haben:

Die Studie ignorierte die zu erwartenden radioaktiven Ableitungen (Gase und Aerosole) des Zwischenlagers über die Abluft praktisch gänzlich aus der Risikobewertung.

Die Schachtanlage Asse II bleibt das eiternde Geschwür der deutschen Energiepolitik.

Sie beweist auf 800 Metern Tiefe:
Wenn institutionelle Hybris, das gnadenlose Kostenkalkül der Industrie und das bewusste Ausspielen rechtlicher Grauzonen zusammenfinden, verschwindet jede Aufsicht ebenso tief in der Erde wie der Atommüll.

Zurück bleiben kontaminierte Laugen, eine ignorierte Zivilgesellschaft – und eine Milliardenrechnung, die von denen bezahlt werden muss, die nie ein Mitspracherecht hatten.


Quellen und Infos:

  1. Abschlussbericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Atommülllager Asse II (Bündnis 90/Die Grünen) - https://www.fraktion.gruene-niedersachsen.de/fileadmin/docs/fraktion/infopakete/Asse_Abschlussbericht-PUA_21.pdf
  2. Herkunft der Abfälle und Hintergrundbericht zur Finanzierung (Bundesumweltministerium) - https://www.bundesumweltministerium.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Endlagerprojekte/hintergrundbericht_finanzierung_schachtanlage_asse_bf.pdf
  3. Analyse der Nutzungsgeschichte und Planungsformen der Schachtanlage Asse II (TH OWL) - https://www.th-owl.de/files/webs/g/fachgebiete/planungstheorie_und_planungsmethodik/Endbericht_Asse_II.pdf
  4. Drucksache 16/5300: Bericht des 21. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses Hannover (Niedersächsischer Landtag) - https://www.landtag-niedersachsen.de/Drucksachen/Drucksachen_16_7500/5001-5500/16-5300.pdf
  5. Empfehlungen zum Strahlenschutz bei der Stilllegung der Schachtanlage Asse II (Strahlenschutzkommission) - https://ssk.de/fileadmin/documents/de/2016/2016-09-15_Empf_Asse_KT.pdf
  6. Kritik des Asse II-Koordinationskreises zum Rückholungsplan und Parameterstudie 2014 (aufpASSEn e.V.) - https://aufpassen.org/beleuchtungsauftrag/
  7. NDR Nachrichten: Atommüll-Bergung aus der Asse soll Thema im Bundestag werden - NDR Online
  8. NDR Nachrichten: Atommülllager Asse: Beginn der Bergung wieder offen - NDR Online
  9. NDR Story Dokumentation: Atommüll in Niedersachsen - Für immer Asse? - NDR Mediathek

Dieser Text ist eine Meinungsäußerung im Sinne des Art. 5 GG auf Grundlage öffentlich zugänglicher Informationen und meiner Erfahrungen.

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ITEM REF: SC-2026-010PUB DATE: 2026-03-19
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