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Per ER 2026-04-17

Kein Sündenbock ermittelbar

BY XXXXXXXXX

Ich stolpere seit Wochen über ein Gefühl, das ich nicht loswerde. Alles passiert gleichzeitig. Iran-Krieg, Rezession, Autobahnen, die zusammenbrechen, Software, die Bankensysteme knackt, und Friedrich Merz, der plötzlich auf Napoleon macht und mit Macron eine Kriegsmarine plant, während bei uns die Züge ausfallen, weil niemand weiß, wer überhaupt am Steuer sitzt.

Und kein Schuldiger in Reichweite, der genug wäre, das alles zu erklären.

Der Sündenbock & seine Freunde.

Normalerweise fange ich dann an zu graben, um herauszufinden, wer dafür verantwortlich ist, oder wer profitiert. Aber je länger ich mir dieses Chaos anschaue, desto klarer wird mir: Eine klassische Fehlersuche reicht als Erklärung einfach nicht aus.
Möglicherweise müssen wir die Linse, durch die wir schauen, radikal wechseln. Ein Ansatz dafür beginnt bei einem französischen Professor — und bei einem Milliardär, der hier wenig Gehör findet.


Die Betriebsanleitung

René Girard war ein französischer Professor, der 2015 gestorben ist. Kein Influencer, kein Politiker, kein Aktivist. Ein Kulturanthropologe, der sein Leben damit verbracht hat, eine einzige Frage zu beantworten:

Warum sind menschliche Gesellschaften gewalttätig — und wie hören sie damit auf?

Seine Antwort geht so:

Menschen begehren nicht aus eigenem Antrieb.
Sie begehren, was andere begehren.

Du willst das schicke Bianchi Fahrrad nicht, weil du es brauchst, sondern weil dein Umfeld es hat. Girard nennt das mimetisches Begehren — nachahmendes Verlangen. Das klingt harmlos. Ist es aber immer seltener.

Wenn zwei dasselbe wollen und es nur einer haben kann, entsteht Rivalität. Im Laufe dieser Rivalität vergessen beide das ursprüngliche Objekt. Es geht nur noch um den Anderen.

Und das ist ansteckend. Es breitet sich aus, bis die ganze Gemeinschaft kurz davor steht, sich gegenseitig zu zerlegen.

Archaische Gesellschaften hatten dafür eine Lösung:
den Sündenbock.
Ein Außenseiter, ein Fremder, ein Schwacher — jemand, auf den sich der Zorn aller konzentrieren ließ. Das „Alle gegen Alle” wurde zum „Alle gegen Einen”.

Der Sündenbock starb, die Spannung löste sich, der Frieden kehrte zurück. Oft wurde der Tote danach sogar zum Heiligen erklärt, weil sein Tod ja offensichtlich die Rettung gebracht hatte.

Das war laut Girard die geheime Betriebsanleitung menschlicher Gesellschaften. Jahrtausendelang.


Die Statik des Fundaments

Girard behauptet: Das Christentum hat diesen Mechanismus sabotiert. Nicht durch ein Verbot, sondern durch eine Erzählung. Die Passionsgeschichte ist die erste große Geschichte, die aus der Perspektive des unschuldigen Opfers erzählt wird. Vorher sprachen Mythen immer von der Gemeinschaft: Der Sündenbock war schuldig, sein Scheiden war nötig, der Friede bewies es.

Bei der Kreuzigung steht das Opfer im Mittelpunkt.
Es ist unschuldig.
Die Menge irrt.

Dieser eine Perspektivwechsel hat den Sündenbock-Mechanismus dauerhaft beschädigt. Eine aufgeklärte Gesellschaft, die insgeheim um die Unschuld des Opfers weiß, kann die Gewalt nicht mehr glorifizieren. Der Verdacht bleibt. Der Trick funktioniert nicht mehr.

Nirgendwo zeigt sich das katastrophaler als im 20. Jahrhundert. Als moderne Gesellschaften in existenzielle, mimetische Krisen stürzten — Inflation, Weltkrieg, das totale „Alle gegen Alle” —, versuchten totalitäre Systeme, den archaischen Mechanismus zu reanimieren und zu industrialisieren.

Der Faschismus und der Kommunismus lieferten ihre Sündenböcke:
den Juden, den Klassenfeind, den Agenten, den Angreifbaren.

Aber es brachte keine Erlösung.

Weil der Sündenbock-Mechanismus in einer nachchristlichen Welt gebrochen war, konnte selbst die Ermordung von Millionen Menschen die alte, sakrale Illusion des Friedens nicht wiederherstellen. Die Gewalt der totalen Staaten schuf keine Gründungsmythen, sondern nur ewige Traumata, Nürnberger Prozesse, paranoide Stasi-Akten und belastete Trümmerlandschaften. Der Versuch, antike Magie mit moderner Bürokratie zu erzwingen, war endgültig gescheitert.

Der Mechanismus ist tot.


Die Diagnose

Und hier betritt Peter Thiel die Runde, lautstark verachtet wie ein Zahnarzttermin am Freitagabend. Milliardär, Trump-Unterstützer, Gründer des Überwachungskonzerns Palantir. Ich möchte ihn nicht verteidigen, aber ich lese ihn. Er war Girards Schüler in Stanford, und er hat nötige Konsequenzen aus Girards Theorie gezogen, vor denen unsere Politik allem Anschein nach bis heute zu fliehen versucht.

In seinem Essay The Straussian Moment (2004) schlägt Thiel die Brücke: Wenn Girard recht hat und der Mensch fundamental gewalttätig, nachahmend und irrational ist, dann hat die westliche Demokratie einen gigantischen Konstruktionsfehler.

Die Aufklärung baute unsere politischen Systeme auf der Prämisse auf, der Mensch sei ein „rationaler Wirtschaftsakteur”. Gebt ihm Freihandel, Wohlstand und Wahlen, dann hört er auf zu kämpfen. Religion und metaphysische Konflikte wurden aus der Politik verbannt, weil man glaubte, die Vernunft hätte sie besiegt.

Am 11. September 2001 zerfiel dieses Modell zu Staub. Die Attentäter waren keine armen, ungebildeten Verlierer, die man mit einem Konjunkturpaket hätte ruhigstellen können. Sie besaßen ein Milliarden-Erbe.

Und sie starben für ihre Überzeugung.

Thiels Schlussfolgerung:

Unsere westliche Demokratie sei ein Schönwetter-System. Sie könne nur Menschen verwalten, die Geld verdienen wollen, habe aber kein Werkzeug gegen Menschen, die Geld haben und zu jedem Preis Hass verbreiten wollen.

Wenn diese Diagnose zutrifft und der liberale Kapitalismus den mimetischen Konflikt nicht auflösen kann, stehen wir im Krisenfall mit leeren Händen da.


Des Meisters Werkzeug

Thiel sieht die Geschichte auf zwei mögliche Endpunkte zusteuern. Wir balancieren demnach auf einem schmalen Grat:
Da der Sündenbock als Ventil fehlt, droht als Erstes das Armageddon — die entfesselte, grenzenlose Gewalt, die sich mangels eines Opfers weiter frisst, bis nichts mehr steht.

Doch die größere Gefahr liegt gegenwärtig im zweiten Szenario:
Dem Antichristen.

Originalaufnahme vom Antichristen.

Für Thiel ist der Antichrist kein gehörntes Monster, sondern ein globales System, das die pure Panik vor dem Armageddon nutzt.

Es verlangt absolute Kontrolle als einzigen Ausweg — im biblischen Gewand von Frieden und Sicherheit.

Warum gründete Thiel also Palantir, das mächtigste Überwachungsnetzwerk der westlichen Hemisphäre? Hier schließt sich der unheimliche Kreis seiner Logik: Palantir ist Thiels Versuch, den Antichristen aufzuhalten, indem er ein algorithmisches Überwachungssystem baut.

Die Idee: Nur wenn westliche Demokratien asymmetrische, mimetische Gewaltausbrüche (Terror, Krieg, Netzwerke) im Vorfeld erkennen und isolieren, kann das ganz große Chaos verhindert werden. Und nur wenn das Chaos verhindert wird, fehlt dem Antichristen das Verkaufsargument für die totale, globale Diktatur. Palantir sucht im Datenstrom nach dem exakten Knotenpunkt der Gewalt, um ihn präzise zu kappen — ein technologischer Sündenbock, der geopfert wird, damit das System nicht kollabiert.

Thiel baut den Apparat des Antichristen, um den Antichristen zu verhindern. Aber anders als die deutsche Politik hat er wenigstens eine Theorie für die Gewalt.


Wenn das System bootet

Wir sitzen hier, starren auf horrende Energiepreise, eine Wachstumsprognose von 0,6 Prozent, 779 Autobahnbaustellen und eine immer aggressivere Rhetorik, und unsere Sündenböcke haben die Rotationsfrequenz eines Dönerspießes.

Heute sind die Grünen schuld, dass die Wirtschaft schrumpft, morgen die Migranten, übermorgen die Ampel, und wenn das alles nichts hilft, dann eben die russischen oder gar deutschen Oligarchen. Wir simulieren die Steinzeitrituale im Wahlkampf, auf X und an den Stammtischen. Aber keine Wahl, kein Rücktritt und kein Parteiverbot bringt den alten Frieden. Es gibt immer am Tag danach eine Gegenseite, die sich als das eigentliche Opfer versteht.

Wenn Girard und Thiel recht haben, bedeutet das etwas Erschütterndes für uns: Die klassische Politik, so wie wir sie betreiben, ist am Ende. Wir versuchen ein Betriebssystem auszuführen, dessen entscheidender Codeausschnitt vor 2.000 Jahren während eines Updates verschwand.

Wenn der Sündenbock tot ist, kann uns kein politischer Machtwechsel mehr retten, weil das Problem nicht beim politischen Gegner liegt, sondern in unserem unablässigen, nachahmenden Begehren.

Konkret heißt das:
Entweder wir ergeben uns der technologischen Totalüberwachung, weil wir unsere eigenen Konflikte nicht mehr einhegen können (nach Thiel).

Oder wir müssen, als Zivilisation, eine Lektion lernen, die realpolitisch dieser Tage beinahe verräterisch klingt: Die Rivalität radikal aufzugeben.

Girard selbst hatte letzteren Schluss gezogen. Er nannte es Konversion — aber meinte damit keine religiöse Bekehrung, sondern etwas Präziseres:

Den Moment, in dem ein Mensch sein eigenes mimetisches Begehren erkennt.
Begreift, dass er das Fahrrad nicht will, sondern den Nachbarn besiegen.
Dass er nicht gegen eine Politik ist, sondern gegen die Menschen dahinter.

Wer das sieht — an sich selbst, nicht am Anderen — verlässt die primitive Rivalität.

Weil der Film langweilig wird.

Frieden wird nicht lauter, wenn man den Richtigen anschreit. Er beginnt manchmal dort, wo man begreift, dass es den einen, erlösenden Schuldigen gar nicht gibt.

Der Sündenbock ist frei. Wir müssen damit klar kommen.


Quellen & Infos

ITEM REF: SC-2026-013PUB DATE: 2026-04-17
Unbekannt
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