Systemversagen zur Primetime
Man muss sich die Programmliste der ARD für diesen Januar einmal genauer ansehen, um das Ausmaß der publizistischen Arbeitsverweigerung wirklich zu begreifen: Tatort, Steirerrausch, Nord bei Nordwest, Morden im Norden.
Fast jeder Abend zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr ist für das fiktive, behagliche Morden reserviert. Doch wenn es um die reale Analyse von Demagogie und die Verantwortung gegenüber unserer Geschichte geht, wird im Ersten das Licht gelöscht – die Aufklärung findet erst statt, wenn das Land längst schläft.

Eine „Ohrfeige“ für die letzten Zeitzeugen
Die Entscheidung, den international als Meisterwerk gefeierten Film ***„Führer und Verführer“***erst um 23:35 Uhr auszustrahlen, ist weit mehr als eine unglückliche Sendeplatzwahl. Es ist, wie es Dr. med. Eva Umlauf, die Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees, in ihrem Protestbrief an ARD-Programmdirektorin Christine Strobl formuliert, eine „Ohrfeige“ für die Überlebenden der Shoah.
Dabei wiegt die Stimme der Absenderin besonders schwer: Dr. Eva Umlauf ist nicht nur die Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees, sondern selbst eine der jüngsten Überlebenden des Vernichtungslagers. Als Zweijährige nach Auschwitz deportiert, trägt sie die eintätowierte Häftlingsnummer bis heute auf dem Arm. Wenn eine Frau, deren Leben durch die im Film analysierte Demagogie fast vernichtet worden wäre, von einer „Ohrfeige“ spricht, verdeutlicht dies die moralische Ignoranz der Programmplanung.
„Die Nazis wollten noch alles vertuschen. Es gab weiterhin Todesmärsche, bei einem solchen ist mein Vater erschossen worden. Aber vergast haben sie nicht mehr, weil sie wussten, dass das Ende naht. Sie wollten das Archivmaterial vernichten, aber es war zu spät. Ein paar Hundert, die nicht transportfähig waren, blieben in Auschwitz. Darunter waren wir.“
- Frau Dr. Umlauf
im Interview bei "Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2011
An diesem Projekt haben sieben Zeitzeugen mitgewirkt. Darunter der 100-jährige Leon Weintraub und Elly Gotz, der für diesen Film zum ersten Mal seit 1945 wieder Deutsch gesprochen hat. Die 2024 verstorbene Margot Friedländer äußerte vor ihrem Tod den dringenden Wunsch, dass alle Deutschen dieses Werk sehen müssten.
Dass die ARD-Programmdirektion dieses Vermächtnis in die Geisterstunde verbannt, während sie die Primetime mit fiktivem „Wohlfühl-Gruseln“ zupflastert, ist eine Missachtung der historischen Wahrheit und der Würde der Opfer.
Der ökonomische Maschinenraum des Stillstands
Hinter dieser Flucht in die Fiktion steckt ein tiefgreifendes strukturelles Problem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR). Während das inhaltliche Angebot zusammengestrichen wird, lähmen massive Altlasten das System:
- Totes Kapital: Die ARD weist Rückstellungen für Pensionsverpflichtungen in dreistelliger Millionenhöhe aus. Gelder, die in der Vergangenheit gebunden sind und nicht mehr für mutige, zeitgemäße Inhalte zur Verfügung stehen.
- Sportrechte-Wahn: Jährlich fließen allein bei der ARD durchschnittlich 237,5 Millionen Euro in Sportrechte. Offenbar ist der nächste Eckball für die Verantwortlichen wichtiger als die Analyse von Propaganda und Desinformation zur besten Sendezeit.
Warum der ÖRR eigentlich unverzichtbar wäre
In einer digital fragmentierten Gesellschaft wäre ein starker ÖRR als „Lagerfeuer“ der Nation wichtiger denn je. Aktuelle Daten zeigen, dass 57 % der Nutzer TikTok als gefährliche Quelle für Desinformation wahrnehmen. Genau hier müsste die ARD als korrigierendes Leitmedium ansetzen.
Doch stattdessen verliert sie durch eine wahrgenommene „Links-Grün-Schlagseite“ und die Dominanz etablierter politischer Akteure das Vertrauen großer Teile der Bevölkerung. Wenn bis zu 60 % der AfD-Wähler dem System zutiefst misstrauen, ist eine Marginalisierung von kritischen Geschichtsdokumentationen wie „Führer und Verführer“ pures Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Konfrontation statt Kuschelkurs
Es ist Zeit, dieses Problem beim Namen zu nennen:
Wer die Analyse von Volksverhetzung hinter Krimi-Serien versteckt, erfüllt seinen Programmauftrag nicht. Das Argument, solche Inhalte seien ja in der Mediathek verfügbar, ist eine intellektuelle Nebelkerze. Ein Sendeplatz um 20:15 Uhr ist ein Signal der gesellschaftlichen Relevanz – und dieses Signal wird den Opfern der Shoah hier verweigert.
In einer Zeit des erstarkenden Antisemitismus ist die Analyse der Mechanismen, die zum Zivilisationsbruch führten, keine Nischenaufgabe für Schlaflose.

Es ist die verdammte Pflicht eines gebührenfinanzierten Senders, die Gefahr der Wiederkehr der Geschichte dorthin zu bringen, wo sie wehtut und wirkt: mitten in die deutschen Wohnzimmer, zur Primetime. Wer stattdessen lieber den zehnten „Athen-Krimi“ zeigt, betreibt keinen Journalismus, sondern Realitätsflucht auf Kosten der Allgemeinheit.
Holen wir die Geschichte aus dem Nachtprogramm:
👉 [Hier die Petition unterschreiben: Primetime für die Wahrheit]


